23 Jahre nach meinem ersten Start in Mainz kehre ich zurück – und denke über Wettkampf, Disziplin und die erstaunlich ehrliche Welt des Laufsports nach.
Mainz läuft – und ich laufe wieder mit
2003 bin ich zum ersten Mal in Mainz gelaufen. Damals gab es noch den klassischen Marathon – und ich werde diesen Wettkampf nie vergessen.
Nach einer Halbmarathonrunde durch Mainz ging es über die damals unglaublich steil wirkende Rheinbrücke auf eine Extraschleife nach Mainz-Kastel. Sehr hart. Während die Halbmarathonläufer bereits im Ziel waren, wusste ich: Für mich kommt jetzt noch einmal fast dieselbe Distanz ein zweites Mal. Man lief am Ziel vorbei – und wusste genau, was das bedeutete. Danach wartete die Rampe einer riesig wirkenden Brücke, gefolgt von menschenleeren Straßen auf der anderen Rheinseite. Mainz war damals ein ganz anderer Lauf.
Später wurde ich Dauergast beim Berlin Marathon. Ohne Rampen, als großer Rundkurs und insgesamt etwas attraktiver. Mainz diente fortan eher dazu, im Frühjahr Form aufzubauen – als Halbmarathon und Vorbereitung für die Marathonblöcke im Sommer. Dort gelang mir Anfang der 2010er Jahre auch meine schnellste Halbmarathonzeit überhaupt.
Dieses Jahr kehrte ich nach längerer Pause von Halbmarathon-Wettkämpfen nach Mainz zurück – und war ehrlich begeistert, wie sehr sich der Lauf verändert hat. Der Marathon ist verschwunden. Stattdessen ist aus Mainz ein echtes Lauf-Festival geworden. Ein Format für die ganze Familie: Schülerläufe, Staffeln, 10-km-Läufe, Halbmarathon – und vor allem unglaublich viele junge Menschen. Ich habe selten einen Wettkampf erlebt, bei dem so viele Familien gemeinsam unterwegs waren. Eltern am Rand, Kinder im Laufshirt, Jugendliche voller Euphorie.
Genau so begeistert man junge Menschen für Sport.
Die Organisatoren haben aus meiner Sicht alles richtig gemacht. Statt an einem alten Konzept festzuhalten, wurde das Format konsequent weiterentwickelt. Das Ergebnis gibt ihnen Recht: Mit rund 17.500 Teilnehmern war Mainz dieses Jahr so groß wie nie zuvor. Besonders die Schüler- und Staffelläufe scheinen ein echter Wachstumstreiber zu sein. Man spürte förmlich: Laufen erlebt gerade wieder einen kleinen Boom. Die Stimmung an diesem sehr sommerlichen, fast schon heißen Sonntag war fantastisch. Die Strecke hat heute viele Kurven, was dazu führt, dass man deutlich mehr Zuschauerberührung hat – insbesondere rund um den Zielbereich. Ich war begeistert, wie viele Menschen angefeuert haben. Und obwohl ich mitten im Kampf war, habe ich das alles wahrgenommen.
Denn ein Wettkampf ist für mich nie „normal“. Das Schöne ist – ähnlich wie an der Börse –, dass man nie genau weiß, was auf einen zukommt. Es ist ein Dialog mit dem eigenen Körper in seiner intensivsten Form. Das Gehirn verarbeitet laufend Millionen von Informationen aus dem Körper und muss permanent entscheiden, was damit zu tun ist. Und trotzdem läuft man einen Wettkampf nie wirklich allein.
Das Faszinierende ist: Obwohl fast niemand spricht, kommuniziert man im Feld permanent miteinander. Oft läuft man viele Kilometer nah beieinander. Man spürt das Tempo des anderen, merkt, wer stärker wird, wer beginnt zu kämpfen oder wer vielleicht leicht überzogen hat. Manchmal wird man Ziel eines Überholmanövers, das am Ende doch nicht ganz durchgezogen wird. Manchmal teilt man Wasser. Bei Gegenwind läuft man in kleinen Gruppen und wechselt unbewusst die Führungsarbeit. Es ist eine stille, fast wortlose Form der Kommunikation, die es so im normalen Leben kaum gibt. Und vielleicht ist genau das eine der faszinierendsten Seiten des Laufsports:
Alter, Geschlecht, Herkunft, Religion, Beruf, Rang oder Vermögen spielen plötzlich kaum noch eine Rolle.
Alle sind auf dasselbe reduziert – ihren Körper, ihre Vorbereitung und die Frage, wie gut sie an diesem Tag mit sich selbst und den konkreten Wettkampfbedingungen umgehen.
Mit wenig Kleidung, ohne Statussymbole, ohne Luxus oder Prestige als Differenzierungsmerkmal entsteht für ein paar Stunden eine erstaunlich ehrliche Form des Miteinanders. Man ist völlig in seinem eigenen Tunnel – und gleichzeitig Teil einer Gruppe.
Die ersten Kilometer geht es erst einmal darum, heil und ohne Sturz wegzukommen. Die Masse drückt mit unglaublich viel Adrenalin von hinten. Gleichzeitig darf man nicht überpacen – der Klassiker.
Ab Kilometer drei muss sich der Körper eingependelt haben. Jetzt geht es darum, genau die Pace abzurufen, die lange gehalten werden kann.
Ab Kilometer zehn wird langsam klar, wo man im Rennen steht. Wenn die Pace aus Kilometer fünf noch da ist, läuft alles gut. Wird sie langsamer, signalisiert der Körper erste Probleme.
Ab Kilometer 15 – an einem Tag mit deutlich über 20 Grad und praktisch keinem Wind – musste dann entschieden werden: trinken oder nicht? Normalerweise geht ein Halbmarathon problemlos ohne Wasser. Wegen der Wärme habe ich mich diesmal an zwei Stationen bewusst gegen Trinken und für Abkühlung entschieden: Wasser über Kopf und Körper statt in den Magen.
Die letzten fünf Kilometer kommen einem ewig vor. Wenn bis dahin alles richtig war, ist der Körper jetzt am Limit. Jetzt zählt nur noch eines: die Pace bis ins Ziel halten. An Beschleunigung oder taktische Spielchen ist nicht mehr zu denken. Das Schöne an dieser Phase: Die Straße wird freier. Kein Ausweichen mehr, kein Überholen – das Feld hat sich ausgedünnt. Es ist fast meditativ. Sofern man bei hoher Herzfrequenz überhaupt noch von Meditation sprechen kann.
Nach dem Zieleinlauf fielen mir die unglaublich vielen Schülerinnen und Schüler auf, die Getränke ausgaben und Medaillen umhängten. Auf dem Weg zur Kleiderbeutelabgabe fielen mir dann die großen LKWs auf, die als Schutz ihre Position laufend änderten, dazu Polizeibusse und Rettungsfahrzeuge in den Seitenstraßen. Und schon dachte ich wieder an den Irankrieg. Vielleicht wird man als Fondsmanager diesen Blick nie ganz los.
An dieser Stelle auf jeden Fall ein dickes Dankeschön an alle freiwilligen ehrenamtlichen Helfer, ohne die ein solcher Wettkampf nicht möglich wäre. Und ebenso ein großes Dankeschön an alle Einsatzkräfte, die ihren Sonntag im Dienst verbracht haben.
Ein riesiges Lob an die Organisatoren dieses Rennens: Ihr habt aus meiner Sicht alles richtig gemacht. Besser geht nicht.
Nach Auswertung meiner biometrischen Daten war ich mir sicher: Mehr hätte ich an diesem Tag kaum abrufen können. Herzfrequenz und Wattzahl waren konstant an der Grenze.
Vor dem Lauf gab es – wie immer – einen Trainingsplan. Wieder etwas anders als zuvor. Wettkämpfe dienen als Landmarks für Trainingsblöcke. Von der „Kurzstrecke“ geht es jetzt langsam wieder Richtung Langstrecke.
Der Laufsport ist nach wie vor ein intrinsischer Bestandteil meines Lebens. Ich erlebe die Jahreszeiten. Ich erlebe die Natur. Ich sehe die reale Welt an unterschiedlichsten Orten. Und fast täglich gehe ich in eine Art meditativen Dialog mit meinem eigenen Körper.
Das ist vielleicht der größte Unterschied zur KI.
Die Disziplin und Konditionierung, die Training verlangt, ist derselbe Stoff, den auch gutes Portfoliomanagement verlangt. Die Börse ist genauso unberechenbar wie ein Wettkampf. Doch egal, was passiert – man ist trainiert, sofort die Strategie anzupassen. Man hadert nicht lange. Vielleicht ist Verbindlichkeit das größte Asset des Trainings: Man denkt nicht lange darüber nach. Man macht es. Nicht irgendwann – sondern sofort. Nicht irgendwie – sondern so, wie trainiert oder vorher geplant. Im Fondsmanagement weiß ich heute meistens schon ziemlich genau, was ich morgen tun werde – egal, wie die Börse eröffnet.
Nach mittlerweile über 25 Jahren, teils sehr intensivem Ausdauersport, und mit Blick auf mein fortgeschrittenes Alter ist mir vollkommen bewusst, dass ich großes Glück habe, nach wie vor schmerzfrei trainieren zu können. Dafür mussten zwar viele neue Kraft- und Dehnübungen hinzukommen – aber es hält sich im Rahmen. Ich bin gespannt, wie lange ich diese Reise noch fortsetzen kann.
Aber gerade weil ihr Ende irgendwann absehbar ist, genieße ich sie heute mehr denn je.


